Mit der Abschaffung der Folter
und der Einführung des Indizienbeweises
zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand mit der Kriminalliteratur
ein neues literarisches Genre. In den Geschichtswissenschaften weckte
das Indizienverfahren nicht nur einen neuen empirischen Geist, sondern
es ermöglichte den Historikern einen neuen Spielraum für
ihre Interpretationen. Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts verglichen
die historiographische Arbeit mit der Arbeit von Untersuchungsrichtern,
Detektiven und Kriminalisten, womit sie die Topoi von der "Geschichte
als Weltgericht" oder dem Historiker als Richter über die Vergangenheit
in den Hintergrund drängten und damit ihren Standpunkt verobjektivierten.
In den kriminalistischen Praktiken - vorgeführt in literarischen
Fiktionen - erkannten die Historiker die Praxis der eigenen Forschung
wieder. Dass sich die Kriminalliteratur verstärkt der politischen
Vergangenheit widmen sollte, war dabei nur eine Frage der Zeit. Spätestens
seit Ende der Siebziger Jahre hat sich der historische Kriminalroman
als Subgenre der Kriminalliteratur ausgebildet, schon vorher hatten
sich der an der Zeitgeschichte orientierte Politthriller etabliert.
Grundsätzlich bilden sich zwei Modelle des historischen Kriminalromans
aus: Entweder verwickelt man den Ermittler in einen Fall, bei dem
die Spuren der Vergangenheit relevant werden. Oder aber man verlegt
den Plot in die Vergangenheit und siedelt dort einen Ermittler an,
der nicht nur den Fall, sondern auch über die Geschichte aufklärt.
Christian v. Ditfurths Kriminalromane
um den Historiker Dr. Josef Maria Stachelmann repräsentieren
den ersten Traditionsstrang, von denen der erste Band Mann
ohne Makel (2002)
nun ins Französische unter dem Titel Un
homme irréprochable übersetzt
worden und der dritte Band Schatten des Wahns (2006) gerade
in Deutschland erschienen ist. "Ein Historiker ist der perfekte Kriminalist",
hat sich Ditfurth - der selbst Historiker ist - geäußert,
denn "jeder Mord ist doch historisch, seine Ursache liegt immer in
der Vergangenheit."
In Mann ohne Makel lernt
der Leser einen Protagonisten kennen, der am Historischen Seminar
der Hamburger Universität
arbeitet und nicht nur an Arthritis leidet, sondern auch an seiner
Habilitation über die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald,
die nicht fertig werden will. Seinen politisch apathischen Studenten
kann Stachelmann wenig abgewinnen. Umgekehrt ist dies anders, hat
es doch eine Studentin auf ihn abgesehen. Und dann ist da noch die
junge Doktorandin Anne, die Angst vor der Arbeit in historischen
Archiven hat. Das ist keine gute Voraussetzung für die gemeine
Vorstellung vom echten Historiker, doch kein Grund für Stachelmann,
sich nicht näher mit ihr einzulassen. Was zunächst als
Campusroman beginnt, verändert sich, als Stachelmanns alter
Bekannter "Ossi" Winter aus links bewegten Studienzeiten auftaucht.
Dieser hat die Seiten gewechselt - er ist Kriminalpolizist geworden - und
sucht Stachelmann auf, um ihn in einem Fall zu konsultieren, dessen
Lösung in die Vergangenheit führt.
Innerhalb kurzer Zeit wurden Frau und
Kinder eines Hamburger Immobilienmaklers ermordet. Klar scheint
zu sein, dass jemand eine alte Rechnung mit der angesehenen Familie
begleichen will, doch was ist das Motiv? Die Spuren führen - Stachelmann kann sein historisches Wissen
und seine Erfahrung in der Archivforschung nutzen - zurück in
den Nationalsozialismus und zu den Profiteuren der "Arisierung",
einem Kreis von Hamburger Maklern und ihren Helfershelfern. Geschickt
weiß Ditfurth mit dem Genre umzugehen: er legt verschiedene
Spuren, setzt seinen rheumatischen Antihelden verschiedenen Gefahren
aus und schränkt langsam aber sicher den Kreis der Verdächtigen
ein, um dann doch im Finale eine überraschende Wendung zu präsentieren.
Ebenso sicher bewegt sich Ditfurth
auf historischem Gebiet, bei dem es nicht gilt, Spuren zu legen,
sondern nachvollziehbar dazustellen. Mit der sogenannten "wilden Arisierung" gerät ein Aspekt des
Holocaust in den Blick, der sich für die kriminalistische Fiktion
geradezu anbietet, da der Mord im Kriminalroman oft genug mit ökonomischen
Motiven in Zusammenhang steht. Für eine kriminalistische Geschichtsschreibung
besteht darin jedoch auch eine Gefahr: Beraubung, Enteignung und
die anschließende Vernichtung der Juden scheinen wenig mit
einem spezifisch deutschen Antisemitismus zu tun zu haben. So ist
es folgerichtig, dass Historiker Stachelmann mit dem Buch Hitlers
willige Vollstrecker des amerikanischen Historikers Daniel
Goldhagen abrechnet, in dem er diesem vorhält, nicht nur abgeschrieben
zu haben, sondern auch, dass Goldhagen den "Schuldkomplex" der "bundesdeutschen
Erregungsgemeinschaft" angesprochen habe, "an dem meistens die leiden,
die keine Schuld haben."
Wie eng persönliche Schuld und kollektive Verdrängung
zusammenhängen, bekommt Stachelmann jedoch im Verlauf seiner
Ermittlungen selbst zu spüren, da sie ihn dazu bringen, seinen
Vater erstmals nach seiner Zeit während des Nationalsozialismus
zu befragen. So wird er erfahren müssen, dass dieser schon 1932
in die SA eintrat und später Hilfspolizist war und dabei KZ-Häftlinge
bewachte, die nach den Bombardierungen Hamburgs Blindgänger
entschärfen mussten.
Gekonnt im Spiel von historischer Faktizität und plausiblen
Fiktionen beinhaltet Ditfurths Nachbemerkung zum ersten Roman den
Verweis, dass er die Personen und Ereignisse des Romans nicht hätte
erfinden müssen, wenn alle deutschen Finanzämter ihre Akten
aus der Zeit des Dritten Reichs offengelegt hätten. Gut für
die Fiktion, schlecht für die Wissenschaft, möchte man
meinen. Doch im gleichen Jahr 2002, als der Roman erschien, wurden
durch das neue Bundesarchivgesetz die Sperrfrist für Finanzakten
verkürzt: viel zu spät freilich. So ist nun auch den Historikern
die Möglichkeit gegeben, die Geschichte der "Arisierung" - kein
unbekanntes Kapitel innerhalb der Geschichtswissenschaften - mit
neuem Aktenmaterial aufzuarbeiten.
Während Stachelmann in Mit
Blindheit geschlagen mit
ehemaligen DDR-Fluchthelfern und den Nachwirkungen der DDR-Staatssicherheit
konfrontiert war, geht es in Christian v. Ditfurths neuem Kriminalroman
Schatten des Wahns in die Niederungen des "deutschen Herbst" 1978. Wieder
plädiert die historische Fiktion an die Authentizität,
in dem sie an die Ermordung Ulrich Schmückers erinnert, der
22-jährig von der linksgerichteten "Bewegung 2. Juni" erschossen
wurde.
Am Anfang stehen zwei Tote: Ossi Winter,
Oberkommissar bei der Hamburger Kriminalpolizei, hat Selbstmord
begangen. Zumindest lassen die Indizien dies vermuten. Stachelmann,
der von Ossis Kollegin und Partnerin Carmen zu den Ermittlungen
herangezogen wird, zweifelt jedoch daran. Denn ein Stapel alter
Flugblätter und ein Zeitungsartikel über
einen Mord an einem Revolutionär aus Heidelberger Studienzeiten
in den Siebziger Jahren, als Stachelmann und Winter den Klassenkampf
aufgenommen hatten, weisen in eine andere Richtung. War Ossi Winter
den damaligen Tätern auf der Spur? Wurde er von ihnen umgebracht?
Und wer steckte damals dahinter? Kam der Täter aus einer der
linken Gruppierungen an der Heidelberger Uni, waren es Nazis, oder
steckte der Verfassungsschutz dahinter? Genug Fragen für Historiker
Stachelmann, den nicht nur sein kriminalistischer Spürsinn packt,
sondern zunehmend auch die Auseinandersetzung mit der eigenen linken
Vergangenheit antreibt.
Die politischen Kämpfe von einst sind während der Habilitation
der Erinnerung entwichen, die immer länger werdenden Schatten
des deutschen Herbstes sind verblasst. Nun werden sie dem Vergessen
wieder entrissen. Stachelmann reist nach Heidelberg, um alte Revolutionäre
und Freundinnen zu befragen. Die Erinnerung an die eigene Geschichte
ist - zumal in der historischen Fiktion - mit persönlichen Verlusten
und Trauer verbunden: die alten Heidelberger Freundinnen trinken
zu viel Alkohol und haben einen schwankenden Gang, Stachelmanns Mutter
hat eine Krebsoperation und liegt im Sterben. Die Jugend ist nicht
mehr einzuholen.
Politisch ist die Trauerarbeit eine
Reminiszenz an verlorengegangene Kämpfe. Der neue Krimi von Christian v. Ditfurth wird jedoch
nicht nur zum Abgesang auf den Terrorismus, sondern auch auf die
Ideale der Studentenbewegung. Eigentlich wissen alle Beteiligten - auch
der Autor - nicht so recht, wofür man einst gekämpft hat.
Stachelmann, dessen Geschäft es sein sollte, im Nachvollzug
der Vergangenheit das politische Klima der Siebziger Jahre als historische
Erfahrung aufblitzen zu lassen, entzieht sich zunehmend das Verständnis:
Die Studentenproteste der Siebziger Jahre erscheinen entweder als übertriebener
Aktionismus, als dröhnende Rhetorik. Oder aber sie beruhten
auf der Bewunderung des "Massenschlächters Mao" oder dem "Unterdrücker
Breschnew", auf politischen Wahnvorstellungen, deren Radikalität
zum politischen Mord führte. Da bleibt nur die Kritik des Begriffs
des "deutschen Herbstes", den die Protagonisten wiederholt als "liberales
Gesülze" abtun. Warum die Zeit für bekennende Klassenkämpfer
jedoch ein revolutionärer Frühling war, ist der Erinnerung
entschwunden.
Stachelmann trinkt Mineralwasser und
wird zur Aufklärung einen
pensionierten Polizisten mit Gestapo-Vergangenheit engagieren, um
zwei ehemalige Klassenkämpfer zu überwachen, die nun angesehene
Heidelberger Rechtsanwälte und Ärzte sind. Der eigene politische
Anspruch wird aufgegeben, wenn es um die Entdeckung von Mördern
geht. Stachelmann wird sich selbst unheimlich, doch überwindet
er schnell seine Krise.
Stachelmann ist davon überzeugt, dass der Historiker nicht die
Geschichte des eigenen Handelns schreiben sollte. Das ist ein bisschen
kokett, denn durch die detektivische Erinnerungsarbeit entsteht ein
klärendes Bild der Vergangenheit, das mit Kritik nicht spart.
Für Freunde des Serienkrimis, die gespannt sind, wie es im Privatleben
des Herrn Dr. Stachelmann weitergeht, bleibt genug Stoff. Nachdem Stachelmann
jedoch dem Nationalsozialismus, dem realexistierenden Sozialismus und
dem deutschen Herbst kriminalistisch auf die Spur gekommen ist, bleibt
die Frage, was die deutsche Zeitgeschichte thematisch noch zu bieten
hat. Der Erzähler deutscher Geschichte als Kriminalprosa Christian
v. Ditfurth wird sich sicher etwas einfallen lassen. Denn sein Protagonist
ermöglicht ein Mitleiden an der Geschichte, die den Versuch der
Aufklärung verdient.