krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

>> Rezensionen

Christian v. Ditfurth:
Die Stachelmann-Romane

Mann ohne Makel. Stachelmanns erster Fall,
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2002.

Un homme irréprochable. La première affaire de Stachelmann,
Paris: Éditions Jacqueline Chambon 2006.

Mit Blindheit geschlagen. Stachelmanns zweiter Fall, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2004.
Schatten des Wahns. Stachelmanns dritter Fall, Köln. Kiepenheuer & Witsch 2006.

Achim Saupe

Mit der Abschaffung der Folter und der Einführung des Indizienbeweises zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand mit der Kriminalliteratur ein neues literarisches Genre. In den Geschichtswissenschaften weckte das Indizienverfahren nicht nur einen neuen empirischen Geist, sondern es ermöglichte den Historikern einen neuen Spielraum für ihre Interpretationen. Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts verglichen die historiographische Arbeit mit der Arbeit von Untersuchungsrichtern, Detektiven und Kriminalisten, womit sie die Topoi von der "Geschichte als Weltgericht" oder dem Historiker als Richter über die Vergangenheit in den Hintergrund drängten und damit ihren Standpunkt verobjektivierten. In den kriminalistischen Praktiken - vorgeführt in literarischen Fiktionen - erkannten die Historiker die Praxis der eigenen Forschung wieder. Dass sich die Kriminalliteratur verstärkt der politischen Vergangenheit widmen sollte, war dabei nur eine Frage der Zeit. Spätestens seit Ende der Siebziger Jahre hat sich der historische Kriminalroman als Subgenre der Kriminalliteratur ausgebildet, schon vorher hatten sich der an der Zeitgeschichte orientierte Politthriller etabliert. Grundsätzlich bilden sich zwei Modelle des historischen Kriminalromans aus: Entweder verwickelt man den Ermittler in einen Fall, bei dem die Spuren der Vergangenheit relevant werden. Oder aber man verlegt den Plot in die Vergangenheit und siedelt dort einen Ermittler an, der nicht nur den Fall, sondern auch über die Geschichte aufklärt.

Christian v. Ditfurths Kriminalromane um den Historiker Dr. Josef Maria Stachelmann repräsentieren den ersten Traditionsstrang, von denen der erste Band Mann ohne Makel (2002) nun ins Französische unter dem Titel Un homme irréprochable übersetzt worden und der dritte Band Schatten des Wahns (2006) gerade in Deutschland erschienen ist. "Ein Historiker ist der perfekte Kriminalist", hat sich Ditfurth - der selbst Historiker ist - geäußert, denn "jeder Mord ist doch historisch, seine Ursache liegt immer in der Vergangenheit."

In Mann ohne Makel lernt der Leser einen Protagonisten kennen, der am Historischen Seminar der Hamburger Universität arbeitet und nicht nur an Arthritis leidet, sondern auch an seiner Habilitation über die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald, die nicht fertig werden will. Seinen politisch apathischen Studenten kann Stachelmann wenig abgewinnen. Umgekehrt ist dies anders, hat es doch eine Studentin auf ihn abgesehen. Und dann ist da noch die junge Doktorandin Anne, die Angst vor der Arbeit in historischen Archiven hat. Das ist keine gute Voraussetzung für die gemeine Vorstellung vom echten Historiker, doch kein Grund für Stachelmann, sich nicht näher mit ihr einzulassen. Was zunächst als Campusroman beginnt, verändert sich, als Stachelmanns alter Bekannter "Ossi" Winter aus links bewegten Studienzeiten auftaucht. Dieser hat die Seiten gewechselt - er ist Kriminalpolizist geworden - und sucht Stachelmann auf, um ihn in einem Fall zu konsultieren, dessen Lösung in die Vergangenheit führt.

Innerhalb kurzer Zeit wurden Frau und Kinder eines Hamburger Immobilienmaklers ermordet. Klar scheint zu sein, dass jemand eine alte Rechnung mit der angesehenen Familie begleichen will, doch was ist das Motiv? Die Spuren führen - Stachelmann kann sein historisches Wissen und seine Erfahrung in der Archivforschung nutzen - zurück in den Nationalsozialismus und zu den Profiteuren der "Arisierung", einem Kreis von Hamburger Maklern und ihren Helfershelfern. Geschickt weiß Ditfurth mit dem Genre umzugehen: er legt verschiedene Spuren, setzt seinen rheumatischen Antihelden verschiedenen Gefahren aus und schränkt langsam aber sicher den Kreis der Verdächtigen ein, um dann doch im Finale eine überraschende Wendung zu präsentieren.

Ebenso sicher bewegt sich Ditfurth auf historischem Gebiet, bei dem es nicht gilt, Spuren zu legen, sondern nachvollziehbar dazustellen. Mit der sogenannten "wilden Arisierung" gerät ein Aspekt des Holocaust in den Blick, der sich für die kriminalistische Fiktion geradezu anbietet, da der Mord im Kriminalroman oft genug mit ökonomischen Motiven in Zusammenhang steht. Für eine kriminalistische Geschichtsschreibung besteht darin jedoch auch eine Gefahr: Beraubung, Enteignung und die anschließende Vernichtung der Juden scheinen wenig mit einem spezifisch deutschen Antisemitismus zu tun zu haben. So ist es folgerichtig, dass Historiker Stachelmann mit dem Buch Hitlers willige Vollstrecker des amerikanischen Historikers Daniel Goldhagen abrechnet, in dem er diesem vorhält, nicht nur abgeschrieben zu haben, sondern auch, dass Goldhagen den "Schuldkomplex" der "bundesdeutschen Erregungsgemeinschaft" angesprochen habe, "an dem meistens die leiden, die keine Schuld haben."

Wie eng persönliche Schuld und kollektive Verdrängung zusammenhängen, bekommt Stachelmann jedoch im Verlauf seiner Ermittlungen selbst zu spüren, da sie ihn dazu bringen, seinen Vater erstmals nach seiner Zeit während des Nationalsozialismus zu befragen. So wird er erfahren müssen, dass dieser schon 1932 in die SA eintrat und später Hilfspolizist war und dabei KZ-Häftlinge bewachte, die nach den Bombardierungen Hamburgs Blindgänger entschärfen mussten.

Gekonnt im Spiel von historischer Faktizität und plausiblen Fiktionen beinhaltet Ditfurths Nachbemerkung zum ersten Roman den Verweis, dass er die Personen und Ereignisse des Romans nicht hätte erfinden müssen, wenn alle deutschen Finanzämter ihre Akten aus der Zeit des Dritten Reichs offengelegt hätten. Gut für die Fiktion, schlecht für die Wissenschaft, möchte man meinen. Doch im gleichen Jahr 2002, als der Roman erschien, wurden durch das neue Bundesarchivgesetz die Sperrfrist für Finanzakten verkürzt: viel zu spät freilich. So ist nun auch den Historikern die Möglichkeit gegeben, die Geschichte der "Arisierung" - kein unbekanntes Kapitel innerhalb der Geschichtswissenschaften - mit neuem Aktenmaterial aufzuarbeiten.

Während Stachelmann in Mit Blindheit geschlagen mit ehemaligen DDR-Fluchthelfern und den Nachwirkungen der DDR-Staatssicherheit konfrontiert war, geht es in Christian v. Ditfurths neuem Kriminalroman Schatten des Wahns in die Niederungen des "deutschen Herbst" 1978. Wieder plädiert die historische Fiktion an die Authentizität, in dem sie an die Ermordung Ulrich Schmückers erinnert, der 22-jährig von der linksgerichteten "Bewegung 2. Juni" erschossen wurde.

Am Anfang stehen zwei Tote: Ossi Winter, Oberkommissar bei der Hamburger Kriminalpolizei, hat Selbstmord begangen. Zumindest lassen die Indizien dies vermuten. Stachelmann, der von Ossis Kollegin und Partnerin Carmen zu den Ermittlungen herangezogen wird, zweifelt jedoch daran. Denn ein Stapel alter Flugblätter und ein Zeitungsartikel über einen Mord an einem Revolutionär aus Heidelberger Studienzeiten in den Siebziger Jahren, als Stachelmann und Winter den Klassenkampf aufgenommen hatten, weisen in eine andere Richtung. War Ossi Winter den damaligen Tätern auf der Spur? Wurde er von ihnen umgebracht? Und wer steckte damals dahinter? Kam der Täter aus einer der linken Gruppierungen an der Heidelberger Uni, waren es Nazis, oder steckte der Verfassungsschutz dahinter? Genug Fragen für Historiker Stachelmann, den nicht nur sein kriminalistischer Spürsinn packt, sondern zunehmend auch die Auseinandersetzung mit der eigenen linken Vergangenheit antreibt.

Die politischen Kämpfe von einst sind während der Habilitation der Erinnerung entwichen, die immer länger werdenden Schatten des deutschen Herbstes sind verblasst. Nun werden sie dem Vergessen wieder entrissen. Stachelmann reist nach Heidelberg, um alte Revolutionäre und Freundinnen zu befragen. Die Erinnerung an die eigene Geschichte ist - zumal in der historischen Fiktion - mit persönlichen Verlusten und Trauer verbunden: die alten Heidelberger Freundinnen trinken zu viel Alkohol und haben einen schwankenden Gang, Stachelmanns Mutter hat eine Krebsoperation und liegt im Sterben. Die Jugend ist nicht mehr einzuholen.

Politisch ist die Trauerarbeit eine Reminiszenz an verlorengegangene Kämpfe. Der neue Krimi von Christian v. Ditfurth wird jedoch nicht nur zum Abgesang auf den Terrorismus, sondern auch auf die Ideale der Studentenbewegung. Eigentlich wissen alle Beteiligten - auch der Autor - nicht so recht, wofür man einst gekämpft hat. Stachelmann, dessen Geschäft es sein sollte, im Nachvollzug der Vergangenheit das politische Klima der Siebziger Jahre als historische Erfahrung aufblitzen zu lassen, entzieht sich zunehmend das Verständnis: Die Studentenproteste der Siebziger Jahre erscheinen entweder als übertriebener Aktionismus, als dröhnende Rhetorik. Oder aber sie beruhten auf der Bewunderung des "Massenschlächters Mao" oder dem "Unterdrücker Breschnew", auf politischen Wahnvorstellungen, deren Radikalität zum politischen Mord führte. Da bleibt nur die Kritik des Begriffs des "deutschen Herbstes", den die Protagonisten wiederholt als "liberales Gesülze" abtun. Warum die Zeit für bekennende Klassenkämpfer jedoch ein revolutionärer Frühling war, ist der Erinnerung entschwunden.

Stachelmann trinkt Mineralwasser und wird zur Aufklärung einen pensionierten Polizisten mit Gestapo-Vergangenheit engagieren, um zwei ehemalige Klassenkämpfer zu überwachen, die nun angesehene Heidelberger Rechtsanwälte und Ärzte sind. Der eigene politische Anspruch wird aufgegeben, wenn es um die Entdeckung von Mördern geht. Stachelmann wird sich selbst unheimlich, doch überwindet er schnell seine Krise.

Stachelmann ist davon überzeugt, dass der Historiker nicht die Geschichte des eigenen Handelns schreiben sollte. Das ist ein bisschen kokett, denn durch die detektivische Erinnerungsarbeit entsteht ein klärendes Bild der Vergangenheit, das mit Kritik nicht spart. Für Freunde des Serienkrimis, die gespannt sind, wie es im Privatleben des Herrn Dr. Stachelmann weitergeht, bleibt genug Stoff. Nachdem Stachelmann jedoch dem Nationalsozialismus, dem realexistierenden Sozialismus und dem deutschen Herbst kriminalistisch auf die Spur gekommen ist, bleibt die Frage, was die deutsche Zeitgeschichte thematisch noch zu bieten hat. Der Erzähler deutscher Geschichte als Kriminalprosa Christian v. Ditfurth wird sich sicher etwas einfallen lassen. Denn sein Protagonist ermöglicht ein Mitleiden an der Geschichte, die den Versuch der Aufklärung verdient.

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